Kuschej, Hermann; Abstiens, Kira
ORCID: https://orcid.org/0009-0005-3697-2279; Meyer, Lucas; Spitzer, Florian
ORCID: https://orcid.org/0000-0002-7915-3266 and Stummvoll, Günter
(February 2026)
Vorurteilskriminalität in Österreich.
IHS Research Report 3,
370 p.
hermann-abstiens-meyer-et-al-2026-vorurteilskriminalitaet-in-oesterreich.pdf
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Abstract
Die Analyse von Vorurteilskriminalität in Österreich zeigt das Spannungsfeld zwischen polizeilich angezeigten Fällen (Hellfeld) und einem breiten Spektrum nicht angezeigter Diskriminierungs- und Viktimisierungsformen (Dunkelfeld). Während Hate Crime im Hellfeld quantitativ gering erscheint, ist seine gesellschaftspolitische Bedeutung hoch, da Angriffe nicht nur Einzelpersonen, sondern ganz Identitätsgruppen betreffen.
Hell- und Dunkelfeld zeigen unterschiedliche Realitäten: Das Hellfeld bildet vor allem sichtbare, strafrechtlich relevante Konflikte ab, während das Dunkelfeld auch gesellschaftliche Benachteiligungen, subtile Diskriminierungen und strukturelle
Ausschlüsse erfasst. Polizeiliches Handeln kann daher nur einen Teil des gesamten Problemfeldes abbilden und ist auch abhängig von einer breiteren gesellschaftspolitischen Sensibilisierung in Bezug auf Wahrnehmung und Anzeige von Hate Crime.
Hate Crime wird im polizeilichen Hellfeld vor allem durch männliche Jugendliche geprägt. Dominant sind weltanschauliche, herkunfts- und religionsbezogene Motive, häufig kombiniert und vielfach durch Online-Verhetzung manifestiert. Bezogen auf Viktimisierung, sind junge Männer und Nicht-Österreicher:innen stärker betroffen. Frauen und Personen mit psychisch-kognitiver Beeinträchtigung oder körperlicher Behinderungen tauchen im Hellfeld vergleichsweise selten als Opfer auf.
Die nicht-repräsentativen Dunkelfeldanalysen zeigen ein deutlich breiteres und diverseres Spektrum von Betroffenheiten. Daher scheinen geschlechtsbezogene, behinderungsbezogene und herkunftsbezogene Diskriminierungen, deutlich stärker aufzutreten, als es das Hellfeld abbilden kann. Frauen, vulnerable Identitätsgruppen sowie Personen mit Behinderung berichten überdurchschnittlich häufig von Diskriminierung, die kaum angezeigt wird. Beleidigungen, Benachteiligungen und strukturelle Ungleichbehandlungen sind typische, aber - zum Teil - mangels
strafrechtlicher Handhabe polizeilich schwer zu erfassende Formen. Polizeiliche, zivilgesellschaftliche und sozialarbeiterische Unterstützungssysteme sind vielen Betroffenen nicht bekannt.
Jugendliche: Hohe Risikoexponiertheit
Die auf Jugendliche fokussierten Erhebungen zeigen, dass Jugendliche – besonders jene mit Migrationshintergrund oder belastenden familiären Bedingungen – sowohl häufiger Opfer als auch Täter von Vorurteilskriminalität sind. Männlich dominierte Cliquen, geringe familiäre Kontrolle sowie wahrgenommene kollektive Benachteiligung verstärken das Risiko. Jugendliche nehmen ihr Umfeld oft als unsicherer wahr und verfügen über weniger resiliente Netzwerke.
Prävention - Handlungsempfehlungen
Die Präventionslandschaft in Österreich ist vielfältig, jedoch fragmentiert, regional unterschiedlich entwickelt und in Teilen zu wenig bekannt, sodass deren Wirksamkeit geographisch und soziologisch unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Zukünftige Strategien sollten niedrigschwellig, verständlich und zielgruppenspezifisch gestaltet werden. Partizipative Entwicklungsprozesse erhöhen Wirksamkeit und Reichweite
von Maßnahmen, indem alltagsnahe Barrieren und Bedarfe systematisch berücksichtigt werden.
Für eine wirksame Weiterentwicklung werden empfohlen:
• Stärkere Sichtbarkeit, Koordination und Nachhaltigkeit bestehender Maßnahmen,
• zielgruppenspezifische, niedrigschwellige und verhaltenswissenschaftlich fundierte Ansätze,
• partizipative Entwicklung unter Einbindung direkt betroffener Gruppen,
• Fokus auf Jugendliche, etwa durch präventive Arbeit im
schulischen und informellen Umfeld,
• Verbesserter Zugang zu Meldesystemen und Unterstützungsangeboten,
• sensibilisierte Sicherheitsbehörden, um verdeckte Formen der
Diskriminierung besser zu erkennen.
Sozialwissenschaftliche Untersuchungen zu Delinquenz und Viktimisierung im Bereich Hate Crime sollten als Ergänzung zu den rein deskriptiven polizeilichen Lageberichten dauerhaft etabliert werden. Sie tragen dazu bei, durch eine stete Verbesserung der Datenbasis ein kontinuierliches Monitoring zu gewährleisten und präventive Ansätze gezielt weiterzuentwickeln.
| Item Type: | IHS Series |
|---|---|
| Funders: | Im Auftrag der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG), Finanziert im Sicherheitsforschungs-Förderprogramm KIRAS des Bundesministeriums für Finanzen. |
| Research Units: | Social Cohesion and Polarization Social Sustainable Transformation |
| Date Deposited: | 23 Feb 2026 14:08 |
| Last Modified: | 23 Feb 2026 14:08 |
| URI: | https://irihs.ihs.ac.at/id/eprint/7392 |
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