Das österreichische Modell der Formation von Kompetenzen im Vergleich

Lassnigg, Lorenz and Vogtenhuber, Stefan (2014) Das österreichische Modell der Formation von Kompetenzen im Vergleich. In: Statistik Austria, (ed.) Schlüsselkompetenzen von Erwachsenen – Vertiefende Analysen der PIAAC-Erhebung 2011/12. Wien: Statistik Austria, pp. 49-79.

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Dieser Beitrag versucht, die PIAAC-Erhebung für die explorative Bearbeitung von breiteren vergleichenden Fragestellungen zu nutzen: Wie hängen strukturelle Faktoren des Bildungswesens mit der Kompetenzhöhe und verteilung als Gesamtergebnis in der Bevölkerung zusammen? Können in den Kompetenzergebnissen die Spuren vergangener Bildungsreformen gefunden wer-den? Diese Fragen sind für die österreichische Bildungs-politik von Bedeutung: Erstens, da Österreich eine sehr spezielle Bildungsstruktur aufweist, deren Auswirkungen auf die letztlich erzielten Kompetenzen von großem Inte-resse sind, und zweitens, da Österreich geradezu schon chronisch an bildungspolitischen Reformauseinander-setzungen leidet, die nicht zuletzt durch einen schwa-chen Bezug zu Evidenzen beeinträchtigt werden. Eine wichtige Botschaft dieses Beitrages besteht darin, dass sich durch die Herstellung des Zusammenhangs zwi-schen Bildungsstrukturen und -reformen mit dem jewei-ligen Kompetenzstand der Bevölkerung die langfristige und auch vielfach gebrochene Wirkung der Interventio-nen zeigt, die eventuell die Hysterie um die Reformdis-kussionen etwas relativieren kann. Das umfangreiche Screening der PIAAC-Ergebnisse hat teilweise auch uner-wartete und erstaunliche Befunde erbracht, die weitere Aufmerksamkeit verdienen: So ist beispielsweise kein klarer Zusammenhang zwischen der Tertiarisierung der Bildungssysteme und einer Steigerung des Kompetenz-niveaus festzustellen, und es ist auch – durchaus ent-gegen den Erwartungen – nicht nachweisbar, dass die formal und offensichtlich differenzierten und segmen-tierten Systeme eine größere Ungleichheit der Kompe-tenzen bewirken als die "Gesamtschulsysteme", da letz-tere ebenfalls oft einen hohen, aber versteckten Grad an Differenzierung aufweisen. Die Gegenüberstellung von Reformansätzen und Kompetenzergebnissen erbringt erstaunlich ungünstige Wirkungen der aktuell vorherr-schenden und auch hierzulande mit großen Erwartun-gen verbundenen neoliberalen Politikansätze des "New Public Management" und der "Standards-Bewegung". 3.1 Einleitung Seit nunmehr zwei bis drei Jahrzehnten gibt es inter-national eine starke Rhetorik der Dringlichkeit für Bil-dungsreformen, beginnend in den späten 1980er-Jahren v.a. seitens konservativer Reformerinnen und Refor-mer (z.B. Thatcher, Reagan) und dann aufgegriffen von allen politischen Richtungen spätestens um das Jahr 2000. In Österreich ist der Ruf nach größeren Reformen nie so ganz verstummt, auch hier ist gegen Ende der 1980er-Jahre eine neue Reformbewegung entstanden, die jedoch durch gegensätzliche inhaltliche Richtungen sowie durch einen Kontrast von starken Diskussionen und schwacher Implementation gekennzeichnet ist. Es verdichtet sich zunehmend ein Konsens über die Dring-lichkeit von Verbesserungen, der jedoch in einem fun-damentalen Kontrast zu einem ausgeprägten Dissens über zu treffende Maßnahmen steht, wobei die stra-tegischen Grundrichtungen der geforderten Reform-maßnahmen einer bildungspolitischen Seite jeweils von der konkurrierenden Seite als die Wurzel der Pro-bleme gesehen werden. In dieser Konstellation kann es offensichtlich zu keinen nachhaltigen Entwicklungs-maßnahmen kommen, da der vorhandene gemeinsame Nenner zu klein ist. Drei Konfliktlinien prägen die Aus-einandersetzungen: (1) strukturelle und organisatori-sche vs. pädagogische Maßnahmen, (2) wissenschaft-liche und datenbasierte Evidenz vs. praktisch basierte traditionelle Lehrpersonenprofessionalität, (3) Selek-tion und Leistungsdifferenzierung vs. Heterogenität und gemeinsames Lernen. In dieser Konstellation entsteht ein Klima, in dem die Erwartungen überschießen und sich teilweise das Gefühl der Dringlichkeit und der negativen Folgen der Unterlas-sungen immer weiter hysterisiert, so dass sich die rheto-rische Ebene der Auseinandersetzungen – ähnlich wie die Blasen auf den Aktienmärkten – schon von der rea-len Ebene abgekoppelt und verselbständigt hat, wobei die verschiedenen Akteurinnen und Akteure eifrig daran arbeiten, diese "Blasen" zu erweitern und am Leben zu halten. Vieles der bildungspolitischen Rhetorik ähnelt in diesem Sinne eher einer Geisterbeschwörung als einem rationalen Gebrauch des Verstands. Die vorliegende Stu-die kann möglicherweise hier relativierend wirken, indem sie versucht, den Spuren von Wirkungen vergangener Reformen im durch PIAAC erfassten Kompetenzbestand der verschiedenen beteiligten Länder nachzugehen. Die-ses Unterfangen kann auf dieser allgemeinen bildungs-politischen Ebene zwei Resultate erbringen: erstens eine Relativierung der Erwartungen und zweitens eine Relati-vierung der Gegensätzlichkeiten.

Item Type: Book Contribution
Status: Published
Date Deposited: 06 Mar 2015 09:55
Last Modified: 01 Apr 2016 14:18
URI: http://irihs.ihs.ac.at/id/eprint/3058

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